Gemeinwohlorientiertes Wirtschaften in der Praxis

Zentrale Ergebnisse aus meiner Forschung

In den Jahren 2015 bis 2018 habe ich an der Europa-Universität Flensburg im Projekt „Gemeinwohl-Ökonomie im Vergleich unternehmerischer Nachhaltigkeitsstrategien“ zum gemeinwohlorientierten Wirtschaften geforscht. Ergänzend dazu habe ich von 2016 bis 2021 an der Freien Universität Berlin zu dem Thema promoviert.

 

An welchen Werten orientieren sich Unternehmen, die gemeinwohlorientiert wirtschaften?

Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, habe ich elf Interviews mit Vertreter*innen aus kleinen und mittleren Unternehmen geführt, die eine Gemeinwohl-Bilanz veröffentlicht haben.

Die Gemeinwohl-Bilanz ist ein von der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) entwickeltes Tool, um den Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl zu messen. 

Die GWÖ ist eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die fordert, dass der Erfolg eines Unternehmens vorrangig an seinem Beitrag zum Gemeinwohl gemessen werden sollte.

Ich habe aus den Interviews erfahren, was es für die Unternehmen bedeutet gemeinwohlorientiert zu wirtschaften und welche Werte dabei eine tragende Rolle spielen:

Worte: Transparenz, Demokratie, ökologische Nachhaltigkeit, Unabhängigkeit, Kooperation, Fairness, Vielfalt.

🌿 Ökologische Nachhaltigkeit ist den Unternehmen ein großes Anliegen und wird in der Unternehmenspraxis auf unterschiedlichste Weise gelebt. 

Welchen Stellenwert die ökologische Nachhaltigkeit im Vergleich zu sozialen Aspekten haben (sollten), dazu gibt es allerdings sowohl zwischen als auch innerhalb der Unternehmen unterschiedliche Auffassungen.

🗳 Während manche mir berichteten, dass sie den Umwelt- und Naturschutz als den grundlegensten und wichtigsten Aspekt sehen, betonten andere, dass ihnen beispielsweise Diversität und demokratische Mitbestimmung im Unternehmen ein besonderes Anliegen sind. Entsprechend unterschiedlich stark ausgeprägt sind auch die Mitbestimmungs- und Miteigentumsstrukturen in den verschiedenen Unternehmen.

✋ Was mir immer wieder begegnet ist, dass die Unternehmen betont haben, wie wichtig es ihnen ist ihre Unabhängigkeit zu wahren. 

Für die einen bedeutete dies, dass die Geldgeber*innen keinen Einfluss auf die inhaltliche Arbeit der Mitarbeitenden haben konnten, für andere war der kooperative Direktbezug von Rohwaren relevant, um sich unabhängig vom Weltmarkt und Börsenpreis zu machen.

🤝 Die Beziehungen zu ihren Lieferant*innen beschreiben die Unternehmen als fair und kooperativ. 

Ein beeindruckendes Beispiel finde ich dazu den „Runden Tisch Getreide“, der jährlich von der Bio-Bäckerei Märkisches Landbrot initiiert wird. Bei diesem Treffen sprechen die Bäckerei, Landwirt*innen, Müller*innen und Händler*innen über die Ernte, Liefermengen und Getreidepreise.

🔎 Die Protokolle zu diesen Treffen sind im Internet öffentlich zugänglich. Dies ist ein Beispiel dafür, wie die von mir besuchten Unternehmen Transparenz schaffen. 

Mit den Gemeinwohl-Bilanzen geben die Unternehmen zudem tiefe Einblicke in ihre Strukturen und ihr Wirtschaften. Ein Interviewpartner hat es wie folgt formuliert: „Gemeinwohl ist auch Transparenz“ und mit der Gemeinwohl-Bilanz „machen sich die Unternehmen nackt“.

Ich danke allen Interviewpartner*innen, dass sie sich die Zeit für mich genommen haben!

Steigt die Arbeitszufriedenheit mit der Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens?

Die Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) hat mit der Gemeinwohl-Bilanz ein Tool entwickelt, um den Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl zu messen. 

Ich wollte herausfinden: Steigt mit der Punktzahl, die ein Unternehmen in der Gemeinwohl-Bilanz erreicht, ebenso auch die Arbeitszufriedenheit?

Ich danke 332 Mitarbeitenden aus acht GWÖ-Unternehmen, die mir einen Fragebogen zur ihrer Arbeitszufriedenheit ausgefüllt haben! 

Diese acht Unternehmen beschäftigen zwischen zehn und 470 Mitarbeitende und haben in der Gemeinwohl-Bilanz zwischen 370 und 690 Punkte erreicht.

Die Ergebnisse zeigen:
Die Arbeitszufriedenheit steht in einer positiven Verbindung zur Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens. Je höher der Punktwert eines Unternehmens in der Gemeinwohl-Bilanz ist, desto zufriedener sind die Mitarbeiter:innen.

Mit der Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens steigt also auch die Arbeitszufriedenheit. 

Im Durchschnitt liegt die Arbeitszufriedenheit in meiner Studie eher im positiven Bereich. Meine Daten haben jedoch auch gezeigt, dass es auch in GWÖ-Unternehmen Menschen gibt, die sehr unzufrieden mit ihrer Arbeit sind.

Steigt mit der Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens die erlebte Sinnhaftigkeit der Arbeit? 

Generell könnte man annehmen, je sinnvoller die Produkte oder Dienstleistungen eines Unternehmens sind, desto sinnvoller empfinden auch die Mitarbeitenden aus dem Unternehmen ihre Arbeit. 

Doch ist das wirklich so?

Das wollte ich herausfinden und habe daher die genannten 332 Mitarbeitenden aus den acht GWÖ-Unternehmen in dem Fragebogen auch nach der erlebten Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit befragt. 

Und tatsächlich: Je mehr Punkte ein Unternehmen in der Gemeinwohl-Bilanz beim Aspekt „Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte & Dienstleistungen“ erreicht hat, desto sinnstiftender beurteilen auch die Mitarbeiter*innen ihre Arbeit. 

Die Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens nach den Maßstäben der GWÖ steht also in einem positiven Zusammenhang mit der erlebten Sinnhaftigkeit der Arbeit.

Ist die Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens der Schlüssel zur höheren Lohnzufriedenheit?

In meiner Doktorarbeit habe ich auch den Zusammenhang zwischen der Gemeinwohlorientierung von Unternehmen und der Zufriedenheit ihrer Mitarbeitenden mit ihrem Gehalt untersucht.

Unter den 332 Mitarbeitenden aus den acht gemeinwohl-zertifizierten Unternehmen fand ich heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen der gemeinwohlorientierten Einkommensverteilung und der Lohnzufriedenheit der Mitarbeitenden gibt. 

Unternehmen mit besseren Bewertungen im Bereich „gerechte Verteilung der Einkommen“ in der Gemeinwohl-Bilanz haben Mitarbeitende, die mit ihrem Lohn zufriedener sind.

Mit meinen Daten konnte ich nicht zeigen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Umgang mit den Unternehmensgewinnen und der Gehaltszufriedenheit gibt. 

Das ist auf ein statistisches Problem zurückzuführen: Da alle von mir untersuchten Unternehmen ihre Gewinne nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie sinnstiftend einsetzen, haben sie alle im Bereich "gemeinwohlorientierte Gewinnverteilung" eine hohe Punktzahl erzielt. Daher fehlt in meiner Studie möglicherweise das nötige Spektrum, um einen statistischen Effekt der gemeinwohlorientierten Gewinnverteilung auf die Lohnzufriedenheit nachweisen zu können. Eine Vergleichsstudie mit nicht gemeinwohl-zertifizierten Unternehmen könnte hier Licht ins Dunkel bringen.

Wie stark nehmen die Mitarbeitenden das sozial-ökologische Engagement ihrer Unternehmen überhaupt wahr?

Ich wollte wissen: Geben Mitarbeitende aus Unternehmen, die eine höhere Punktzahl in der Gemeinwohl-Bilanz erzielen, an, dass sie mehr sozial-ökologisches Engagement wahrnehmen als die Mitarbeitenden aus den Unternehmen mit einer geringeren Punktzahl in der Gemeinwohl-Bilanz?

Die Daten aus meiner Befragung von 332 Mitarbeitenden aus acht GWÖ-Unternehmen verraten:

Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der erzielten Punktzahl in der Gemeinwohl-Bilanz und der Wahrnehmung von sozial-ökologischem Engagement durch die Mitarbeitenden.

Anders gesagt: Je höher die Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens nach den Maßstäben der GWÖ, desto eher geben die Mitarbeitenden aus den Unternehmen an, dass sich ihr Unternehmen sozial-ökologisch engagiert.

Die Wahrnehmung der Mitarbeitenden aus den GWÖ-Unternehmen, inwiefern sich ihr Unternehmen sozial-ökologisch engagiert, deckt sich also mit den Bewertungen durch die Gemeinwohl-Bilanz. 

Im Durschnittt haben die befragten Mitarbeitenden eine relativ hohe Bewertung abgegeben. Weitere Forschung könnte klären, wie hoch die Bewertung des Engagements eines Unternehmens durch die Mitarbeitenden in GWÖ-Unternehmen im Vergleich zu nicht-GWÖ-Unternehmen ist.

Wie ist die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) wissenschaftlich betrachtet zu bewerten?

Die GWÖ ist eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die insbesondere durch kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) getragen wird. 

Mit der Gemeinwohl-Bilanz hat die GWÖ ein Instrument entwickelt, um den Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl messbar zu machen. 

Hier fünf Key Learnings aus meiner Forschung:

🔹 Die GWÖ ist eine wertebasierte Bewegung. 

Das Teilen von gemeinsamen Werten schafft die Grundlage für kooperatives Wirtschaften und langfristige, vertrauensvolle Beziehungen zwischen den Unternehmen der GWÖ.

🔹 Mit einer Gemeinwohl-Bilanzierung schafft ein Unternehmen einen hohen Grad an Transparenz. 

Dadurch wird das sozial-ökologische Engagement der KMU sichtbar und kann den Druck auf weniger nachhaltige Unternehmen erhöhen. Die Transparenzanforderungen der GWÖ können jedoch den Individualinteressen der Mitarbeitenden widersprechen, wie sich zum Beispiel beim Thema Lohntransparenz zeigte.

🔹 Je besser ein Unternehmen in der Gemeinwohl-Bilanz beim Thema "Demokratie und Transparenz" abschneidet, desto höher ist die Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen. 

Jedoch ist nicht davon auszugehen, dass alle Mitarbeitenden in demokratische Entscheidungsprozesse eingebunden werden wollen, daher sind Aushandlungsprozesse zu ihrer Art und ihrem Umfang nötig.

🔹 Auch GWÖ-Unternehmen sind profitorientiert. 

Jedoch streben die von mir untersuchten GWÖ-Unternehmen nicht nach Profitmaximierung, sondern agieren zugunsten ihrer sozial-ökologischen Werte unter der Prämisse der >Profitgenügsamkeit<. 

Dies eröffnet Spielräume für soziale und ökologische Praktiken sowie suffizienzorientiertes Wirtschaften.

🔹 Als sozial-ökologisch wirtschaftende KMU sind die Unternehmen der GWÖ Nischenakteure, die pro-aktiv eine Transformation der Wirtschaft mitgestalten (wollen). 

Da die GWÖ Transparenz schafft, die Nischenakteure vernetzt und sie empowert, kann sie im Rahmen des Transformationsprozesses als Schutzmechanismus für die sozial-ökologischen Pioniere dienen.

 

Bild: Graphic Recording by manusfactur.de | Fachtag für gemeinwohlorientierte Organisationsentwicklung der Friedrich Ebert Stiftung

Funktioniert die Idee der Gemeinwohl-Bilanzierung?

…wollte NDR-Wissenschaftsjournalistin Tomma Schröder wissen. 

Um Antworten zu finden, hat sie mit Gemeinwohl-Ökonomie Referentin Frauke Hellwig über die Gemeinwohl-Bilanz des Flensburger Unternehmens visuellverstehen gesprochen.

Und sie hat mich als Forscherin zum gemeinwohlorientierten Wirtschaften gefragt, ob das mit der Gemeinwohl-Bilanzierung auch für Großunternehmen klappen kann.

Können Großkonzerne gemeinwohlorientiert wirtschaften?

Diese spannende Frage erforschte meine Forschungs-Kollegin Dr. Josefa Kny in ihrer Doktorarbeit. 

Mit Vertreter:innen von namhaften Unternehmen wie dm, E.ON, MAN und der Otto Group hat sie eine “Wanderung durch die Gemeinwohl-Bilanz” gemacht und folgendes Szenario durchgespielt:

Was, wenn sich die Konzerne auf die Ideen der Gemeinwohl-Ökonomie einlassen würden? 

Wie gut oder schlecht würden die Konzerne abschneiden, wenn sie heute eine Gemeinwohl-Bilanz erstellten?

Josefa identifizierte sechs Schlüsselfaktoren, die das Potenzial für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften maßgeblich mitbestimmen:

📈 Ökonomischer Rahmen
⚖ Rechtlicher Rahmen
👥 Akteure und Strukturen im Unternehmensumfeld
🏭 Geschäftsmodell
🤝 Unternehmenskultur
💢 Eigentümerstruktur

Die Fähigkeit eines Großunternehmens sich transformativ zu verhalten, bewegt sich dabei im Spannungsfeld von „müssen“, „wollen“, „nicht-wollen“, „können“ und „glauben, nicht zu können“.

In Josefas Buch Too big to do good? Eine empirische Studie zur Gemeinwohlorientierung von Großunternehmen am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie können alle Ergebnisse und Details nachgelesen werden. 

Absolute Lese-Empfehlung! 

Foto: Elias El Ghorchi | Fachtag für gemeinwohlorientierte Organisationsentwicklung der Friedrich Ebert Stiftung

Weitere Ergebnisse und Details zu meiner Forschung zum gemeinwohlorientierten Wirtschaften können in meiner Dissertationsschrift 

Companies contributing to the common good - An empirical study about the common good approach in entrepreneurial practice 

nachgelesen werden.

Die einzelnen Studien wurden auch als Beiträge in Fachzeitschriften veröffentlicht:

The common good balance sheet and employees’ perceptions, attitudes and behaviors.

Common good-oriented companies: Exploring corporate values, characteristics and practices that could support a development towards degrowth

The common good approach in entrepreneurial practice

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